Geschäft mit dem Zungenbändchen - BVKJ warnt vor unnötigen Eingriffen bei Kindern
Kinder- und Jugendärzte sehen zunehmende Kommerzialisierung ohne ausreichende wissenschaftliche Grundlage
München, 18.05.2026 - Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*Innen (BVKJ) Bayern warnt vor einer zunehmenden Überdiagnose und Kommerzialisierung „eines vermeintlich verkürzten“ Zungenbändchens bei Säuglingen und Kleinkindern.
Immer häufiger würden Eltern mit der Behauptung konfrontiert, ein Zungenbändchen sei Ursache für Stillprobleme, Koliken, Unruhe, Sprachstörungen, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen oder ADHS. Parallel dazu entstehen bundesweit immer mehr sog. „Zungenbändchenzentren“, die kostenintensive Behandlungen häufig mittels Laserchirurgie anbieten. Die Eingriffe kosten oft zwischen 800 - 2000 Euro und werden von den gesetzlichen Krankenkassen meist nicht übernommen.
„Wir erleben in den Praxen eine massive Verunsicherung junger Eltern. Viele haben große Angst, ihrem Kind zu schaden oder wichtige Entwicklungsschritte zu verpassen, wenn sie den Eingriff nicht durchführen lassen“, sagt Dr. Sonja Behrendt, Kinder- und Jugendärztin aus München-Bogenhausen.
Nach aktueller Studienlage ist der Nutzen einer Zungenbändchendurchtrennung für Kinder wissenschaftlich weitgehend nicht belegt. Die größte internationale Datenauswertung - eine Cochrane-Metaanalyse - konnte lediglich eine leichte Reduktion mütterlicher Schmerzen beim Stillen nachweisen. Positive Effekte für das Kind selbst, etwa auf Gewichtszunahme, Schreiverhalten oder langfristige Entwicklung, ließen sich dagegen bislang nicht belegen.
„Besonders problematisch ist, dass es bis heute keine einheitlichen und wissenschaftlich validierten Diagnosekriterien gibt. Trotzdem wird Eltern häufig suggeriert, ihr Kind müsse dringend behandelt werden“, erklärt Dr. Dilek Önaldi-Gildein, Pressesprecherin des BVKJ Bayern.
Gleichzeitig seien die Eingriffe keineswegs harmlos. In Deutschland wurden bereits schwere Komplikationen dokumentiert - darunter ein tödlicher Narkosezwischenfall bei einem dreijährigen Kind, schwerste dauerhafte Behinderungen sowie massive Verletzungen der Zunge.
„Wir betreuen in unserer Praxis mehrere Kinder, die teils erhebliche Fütterstörungen infolge der oralen Traumatisierung durch Manipulationen und Schmerzen unter der Zunge nach Zungenbandeingriffen entwickelt haben“, berichtet Dr. Sonja Behrendt.
Der BVKJ Bayern fordert deshalb eine deutlich strengere und interdisziplinäre Indikationsstellung sowie eine bessere Aufklärung der Eltern über die bislang unzureichende wissenschaftliche Datenlage sowie eine kritische Prüfung kommerzieller Behandlungsangebote bei Kindern.
„Nicht jede anatomische Variante ist eine Krankheit. Wir dürfen nicht zulassen, dass aus der Unsicherheit junger Familien ein lukrativer medizinischer Markt entsteht“,
betont Dr. Dominik Ewald, Vorsitzender des BVKJ Bayern.
Vor operativen Maßnahmen sollten aus Sicht des BVKJ Bayern zunächst alle konservativen Möglichkeiten, wie etwa eine qualifizierte Stillberatung, konsequent ausgeschöpft werden, da eine Durchtrennung des Zungenbändchens in den allermeisten Fällen nicht notwendig ist.
Pressekontakt
BVKJ Bayern
Dr. Dilek Önaldi-Gildein
Pressesprecherin, Fachärztin für Kinder- u. Jugendmedizin
oenaldi@dr-oenaldi.de


